Über das Projekt

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Niemand wird ausgesucht.

Viele kommen und niemand geht ohne ein intensives Gespräch von wenigstens einer Stunde wieder hinaus. Während dieser Gespräche wird über die Kreativität eines jeden Menschen diskutiert, werden Bedenken ausgeräumt, Lohnangelegenheiten besprochen, auf die persönlichen Notwendigkeiten und die der Stadt Oberhausen ein Auge geworfen, über Länder und Herkunft, Kulturen und was denn eigentlich Kunst sei bei Kaffee und Tee geredet. 

Beim Hinausgehen tragen sie ihre Gedanken in die Stadt, welche ihrer Ideen denn in Oberhausen Sinn machen können.

Manche kommen wieder und stellen sich der Herausforderung Kunst für die Menschen in Oberhausen zu arbeiten. Diese sind die 

Kunst-Arbeiter*innen Oberhausen. 

Kaum jemand hat eine Ausbildung die irgendetwas mit Kunst zu tun hat.

Kunst von Oberhausener*innen für Oberhausener*innen arbeitet mit eigenen Kriterien. Was-wann-warum-wie-für-wen-wo und in welchem Kontext Kunst ist, wird in Gesprächen entwickelt, und in der Auseinandersetzung mit der Stadt erarbeitet - die Kunst-Arbeiter*innen machen das untereinander und mit den Menschen aus, für die sie ihre Kunst machen. Denn, was bei allen Zweifeln, ob man Künstler*in sein kann oder nicht, immer funktioniert, ist, Kunst FÜR jemanden zu machen.

Oberhausen ist eine Stadt zu der viele hinzukommen, aus der es viele wegzieht und in die nur wenige zurückkehren. Utopien reifen dort am besten, wo die Menschen sich fragen müssen warum sie an diesem Ort sind. 

Utopie heißt: Nicht-Ort. Ein Ort der frei ist. Frei für eine Utopie, die Utopie einer Kunst-Stadt Oberhausen.

Die Kunst-Arbeit in „Brauchse Jobb? Wir machen Kunst!“ wird bezahlt. Darüber hinaus werden Sozialversicherungsbeiträge und Krankenversicherungsbeiträge entrichtet. Die Arbeit der Kunst-Arbeiter*innen wird unter der Kategorie „Kunst“ bei der Bundesagentur für Arbeit registriert. Sogar eine Pauschale bei der Künstler-Sozialversicherung wird abgeführt.

Ein Modell der bezahlten Kunstarbeit wird geschaffen, eine echte Alternative zum auslaufenden Arbeitsmarkt-Modell bei nichtvorhandener Arbeit.

Anstelle von sinnloser Beschäftigung tritt die bezahlte Kunst-Arbeit in Kraft. Kreativität wird Anderen und dem eigenen Leben zur Verfügung gestellt.

In einem der Gespräche bei Kaffee und Tee fiel der Satz: „Oberhausen lieben heißt: Ich mache alles für meine Stadt, sogar Kunst!“

Thomas Lehmen


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> Link: Brauchse Jobb? Wir machen Kunst! Ein Gespräch mit Thomas Lehmen. 03.09.2017 von: Johanna-Yasirra Kluhs

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Statement von Franz Anton Cramer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter                                                          Globalisierung / Internationales / Zeitgenössisch


Die Globalisierung mag die Kunstszene mobiler und flüssiger gemacht, sie mag sie in ständige Zirkulation versetzt haben. Choreografie wandert heute um den Globus wie die Informationen im Internet oder die Finanzströme der Großbanken. Aber ist wirklich alles gegenseitig verrechenbar? Wo bleibt das künstlerisch Einzelne, das Regionale, das Singuläre? Das Projekt „Oberhausen lieben heißt, ich mache Alles für meine Stadt, sogar Kunst“ widmet sich diesem Aspekt des Lokalen und zielt darauf ab, statt ästhetische Standards anzuwenden, spezifische Arbeitsformen zu entwickeln, welche aus der Lebenswirklichkeit in Oberhausen entstehen. 

Die aktuellen Lebensverhältnisse sind in ihrer Gesamtheit niemals komplett zu überschauen, auch nicht im Künstlerischen. Es geht also darum, sich dem Ausschnitthaften zu stellen und es ohne Scheu bloß als Teil und gerade nicht als fiktives Ganzes zu behandeln. Das ist vielleicht ein Grund für das Misstrauen gegenüber dem derzeit verbreiteten normativen Begriff des Zeitgenössischen; denn wer vermöchte für die Gegenwart insgesamt einzustehen? Der aufrichtigere Weg zur Zeitgenossenschaft führt über den einzelnen Körper, denn nur der Körper ist Sitz der Erfahrung und damit der Verbindung des*der Einzelnen zum Erfahrungsraum der Gemeinschaft. Wir brauchen nicht die Ideologie des Ästhetischen mit ihrem Wunsch, in die Gegenwart mehr oder weniger radikal einzugreifen. Wir brauchen ein handelndes Tun als Möglichkeit, die leibliche Lebenserfahrung ernst zu nehmen und sie in Kunstwirklichkeiten zu übertragen, in denen sich das Singuläre als Allgemeines zu erkennen gibt.

Denn die materielle Form ist immer gegeben, aber sie ringt um Freiheit, gerade da, wo sie nicht den Körper bloß nachahmt. Das Materielle entsteht eben nicht aus sich allein. Was ihm Gestalt verleiht, steht außer ihm selbst. In einem ökonomisch unterwanderten Umfeld, das sich nicht mehr damit befasst, Denken oder Wahrheit zu enthüllen, sondern das die Wirklichkeit konsumiert und in Einnahmequellen verwandelt, beharrt die Kunstpraxis auf jenem Augenblick der Teilhabe, ohne den sich das Potential einer Idee oder eines Werkes nicht verwirklichen lässt. Aufführungen von Kunst erschaffen neue Realitäten, denen aber ein Konstruktionsprozess vorausgeht, also die Verfertigung von etwas mit Material aus anderen Domänen. Dieses Material lässt dabei die eigene Materialität hinter sich, um etwas anderes zu werden, durchaus auch etwas Immaterielles – eine Erfahrung nämlich. Eine Erfahrung im Körper, nirgendwo sonst. Diese körperliche Erfahrung stellt sich der Macht des Ästhetischen entgegen, die im globalisierten Kontext der Kunst dazu neigt, ähnlich der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds gleiche Maßstäbe auf unterschiedliche Wirklichkeiten anzuwenden, um sie zu unterwerfen. „Oberhausen lieben heißt, ich mache Alles für meine Stadt, sogar Kunst“ befragt diese Mechanismen vor einem zeithistorischen Hintergrund, der die Kunst und ihre Positionierung in der Gesellschaft immer schon auf untergründige Art und Weise konditioniert.


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© THOMAS LEHMEN 2018